Mit der Energiewende ist es nicht getan
Umweltminister legt neue Studie vor: Konsequenter Klimaschutz erzwingt Änderung des privaten Konsumverhaltens
KIEL
Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) hat erklärt, dass ein konsequenter Klimaschutz für Verbraucher empfindliche Veränderungen mit sich bringen dürfte. Schleswig-Holstein sei fest entschlossen, beim Weg in eine klimaneutrale Zukunft mit gutem Beispiel voranzuschreiten, sagte er gestern in Kiel. Der Norden stehe zum europäischen Ziel, wonach der Ausstoß von Treibhausgasen zum Jahr 2050 im Vergleich zu 1990 um 95 Prozent reduziert werden soll. Damit das aber gelingt, sei deutlich mehr nötig als die viel beschworene Energiewende. Die Landesgesellschaft für Energie und Klimaschutz (EKSH) hatte eigens beim Fraunhofer- Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe eine Studie in Auftrag gegeben, um die Konsequenzen für Schleswig-Holstein einschätzen zu können. Eines der wichtigsten Ergebnisse: Neben dem massiven Ausbau von erneuerbaren Energien und einer Senkung der Energienachfrage durch Einsparmaßnahmen und effizienterer Nutzung sei auch eine Änderung des privaten Konsumverhaltens nötig. Im landwirtschaftlich geprägten Norden komme es darauf an, den Tierbestand zu reduzieren, weil sich dessen Treibhausgasausstoß nicht so stark senken ließe wie etwa beim Straßenverkehr. Konkret: Die Verbraucher sollten weniger Fleisch essen. Bis 2050 müssten sie ihren Jahreskonsum um 60 Prozent auf 24 Kilo reduzieren. Darf sich der Verbraucher künftig keine Hühnersuppe mehr kochen? „Mit Verboten kommen wir nicht voran“, sagte Albrecht. „Aber bisher ist der CO2-Fußabdruck beim Fleisch nicht eingepreist. Alternativwege sind künftig mitzufinanzieren.“ Im Klartext: Fleisch solle teurer werden. EKSH-Geschäftsführer Stefan Sievers wies darauf hin, dass für einen gelungenen Klimaschutz mehr Wenden nötig seien als nur die Energiewende. Erforderlich seien eben auch eine Ernährungs-, eine Verkehrs- und eine Wärmewende. So paradox es klingt: Durch die neuen Verbraucher Elektromobilität, Wärmepumpen und Wärmenetze steigt der Nettostromverbrauch in Schleswig- Holstein laut Forschern bis 2050 um 50 Prozent an – die Wasserstoffproduktion noch gar nicht eingerechnet. Wie hoch die volkswirtschaftlichen Kosten einer weitgehenden Klimaneutralität sein werden, vermochte Studien-Projektleiter Klaus Wortmann nicht zu beziffern. Albrecht rechnet mit einem erheblichen finanziellen Aufwand. Aber: „Es würde uns in Schleswig-Holstein mehr kosten, wenn wir den Weg der Klimaneutralität nicht gehen. Die positive Nachricht ist: Wir können davon schon jetzt enorm profitieren.“ Die Ansiedlung innovativer Produktion schaffe Arbeitsplätze und Wertschöpfung. „Klar ist aber auch: Von allein wird das alles nicht kommen, sondern es funktioniert nur mit politischen Anreizen.“ Auf Basis der Fraunhofer- Studie will die Landesregierung in den kommenden Monaten ihren Klimaschutzplan für die nächsten 30 Jahre auf den Weg bringen. Enthalten seien der Ausbau der Windenergie an Land und sehr deutlich auch offshore, eine eigene Wasserstofftechnologie und der Abschied von fossilen Energieträgern. Albrecht: „Halbe Sachen machen jetzt keinen Sinn mehr.“
