Kostenfaktor Klimaschutz
Immer mehr Konzerne wollen klimaneutral werden. 2019 meldeten europäische Unternehmen
Investitionen von 124 Milliarden Euro in Klimaschutztechnologien. Umweltschützer sind aber
skeptisch.
DÜSSELDORF
Für den frisch gekürten BP-Chef Bernard Looney war der erste öffentliche Auftritt in seiner neuen Position ein Kinderspiel. Nach monatelangen Demonstrationen erzürnter Aktivisten vor der Firmenzentrale in London durfte der ehemalige Downstream-Manager des Ölkonzerns erstmals Dinge sagen, die seinem Vorgänger Bob Dudley niemals über die Lippen gekommen wären. "Wir müssen uns verändern. Ab heute wird unser oberstes Ziel sein, die Welt mit sauberer, verlässlicher und bezahlbarer Energie zu versorgen", sagte Looney vor knapp zwei Wochen bei der Vorstellung der neuen Strategie in London. Und die hat es in sich: Bis 2050 will der fossile Energieriese komplett klimaneutral sein. Und zwar inklusive der CO2 - Emissionen, die am Ende durch die Verbrennung im Tank des Konsumenten entstehen.
Ein Ölunternehmen wird klimaneutral? Mit dem Ziel hat der BP-Chef für großes Aufsehen gesorgt. Doch mit seinem Plan ist er nicht allein. Große europäische Unternehmen verkünden derzeit nahezu im Wochentakt ambitionierte Klimaziele. Alle haben sich vorgenommen, ab 2030 oder 2040 erstens weniger und zweitens nur so viel CO2 auszustoßen, wie sie woanders vermeiden können.
Medienunternehmen Bertelsmann verkündete etwa vor wenigen Tagen, dieses Ziel bis 2030 zu erreichen, IT-Konzern Microsoft plant die Klimaneutralität für dasselbe Jahr, ebenso wie Pharma- und Chemiekonzern Bayer. Bosch will sogar schon in diesem Jahr CO2 - neutral arbeiten. In der gesamten Industrie, so beobachtet Markus Steilemann, CEO des Chemiekonzerns Covestro, habe ein regelrechter Wettbewerb um Klimaziele eingesetzt.
Die Ankündigungen der vergangenen Monate haben eine gewaltige Summe an Versprechungen zusammengebracht. Eine dem Handelsblatt vorliegende aktuelle Untersuchung der renommierten Non-Profit-Organisation Carbon Disclosure Project (CDP) zeigt: Europäische Unternehmen wollen ihren neuen Plänen zufolge 2,4 Gigatonnen Emissionen vermeiden - das ist mehr als Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien und Polen zusammengenommen jährlich ausstoßen.
Das britische CDP gilt als führend in der Analyse der Umweltdaten von Unternehmen, hinter der Organisation stehen mehr als 600 institutionelle Investoren. Die Experten haben sich in der Studie gemeinsam mit der Beratungsgesellschaft Oliver Wyman die Klimapläne von über 882 börsennotierten Konzernen in Europa näher angeschaut.
Das Ergebnis: Um die Ziele zu erreichen, stecken die Unternehmen bereits Milliarden in neue, CO2 - arme Technologien und in Investitionen zur Emissionsreduktion. Das CDP beziffert die Summe europaweit auf 124 Milliarden Euro, davon entfallen 44 Milliarden Euro auf deutsche Firmen. Das erscheint viel, reicht allerdings bei Weitem nicht aus, um das von der EU ausgerufene Ziel der Klimaneutralität in Europa ab 2050 zu erreichen. Dazu müssten die europäischen Unternehmen ihre Investitionen in CO2 - Reduzierung verdoppeln, heißt es in der Untersuchung.
Weil das viele an die Grenzen des finanziell Machbaren bringen würde, sieht Steven Tebbe, Managing Director von CDP Europe, die Politik und Geldgeber in der Pflicht: "Für Industrien, in denen die Kohlendioxidreduzierung eine größere Herausforderung darstellt, müssen die Finanzmärkte und Politikmachenden ernsthaft bessere Konditionen für CO2 - arme Investitionen schaffen."
Andere zweifeln, ob die Unternehmen ihre Ziele erreichen können. "Einerseits freuen wir uns über jeden Schritt in die richtige Richtung. Andererseits merkt man bei genauerem Hinsehen leider, dass viele Policies vor allem heiße Luft sind oder zu wenig und zu spät verändern", sagt Heffa Schücking, Direktorin der Klimaschutzorganisation Urgewald. Häufig fehlen aus ihrer Sicht konkrete Zwischenschritte und belastbare Daten. "Was nützt Klimaneutralität bis 2040, wenn jetzt sofort akuter Handlungsbedarf besteht?", fragt Schücking. RWE wolle bis 2040 klimaneutral werden, aber auch erst 2038 das letzte Braunkohlekraftwerk abschalten. "So werden wir den Klimawandel nicht aufhalten."
Immerhin: Die Ankündigung von BP markiert eine Zeitenwende. Das Unternehmen ist das erste seiner Branche, das sich das Ziel gesetzt hat, innerhalb von 30 Jahren die Klimabilanz auf netto null zu bekommen. Dabei geht es allein für BP um 415 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Zwar hatte Konkurrent Shell bereits im vergangenen Jahr verkündet, den CO2 - Ausstoß bis 2050 zu halbieren, BP geht nun aber noch einen Schritt weiter.
Auch die großen Tech-Konzerne peilen Klimaneutralität an. Sie haben es im Vergleich zu Öl- oder Energiekonzernen allerdings einfach. Hier entsteht das meiste CO2 durch den Energieverbrauch der Rechenzentren. Also decken sich Google, Facebook, Apple und Co. zunehmend mit Grünstrom ein. In vier Jahren will Amazon immerhin 80 Prozent seines Stroms aus regenerativen Quellen beziehen. 2030 will der Internethändler dann komplett auf grünen Strom umsteigen und zehn Jahre später auch klimaneutral werden.
Während die Internetriesen sich ihr grünes Gewissen erkaufen können, gestaltet sich das für Industriekonzerne wie BP deutlich schwieriger. BP, Shell oder auch Thyssen-Krupp hören nicht plötzlich auf, Kohlendioxid zu produzieren. Vor allem dann nicht, wenn sie wie die Ölmultis weiter an der Förderung fossiler Energien festhalten.
Von Umweltschützern gibt es deswegen heftige Kritik an den öffentlichkeitswirksamen Klimazielen der fossilen Verschmutzer. "BP kann nicht in diesem Jahr 71 Milliarden Dollar in die Erschließung neuer Öl- und Gasfelder stecken und dann behaupten, bis 2050 kein CO2 mehr zu emittieren", sagt Niklas Schinerl, Energieexperte von Greenpeace. Dass der Energiekonzern seine selbst gesteckten Ziele erreicht, hält Schinerl für mehr als unwahrscheinlich. "Bis jetzt ist das eine schöne Ansage, aber leider ohne Substanz." Um trotz klimaschädlicher Produktionsprozesse das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen, setzen einige Unternehmen auf sogenannte Kompensationen. Das Kalkül: Jede Tonne CO2 , die nicht eingespart werden kann, soll ausgeglichen werden. Das kann über den Kauf von CO2 - Zertifikaten für Grünstrom, den Technologie-Transfer zu erneuerbaren Energien oder auch massive Aufforstungsprojekte in allen Teilen der Welt passieren.
Gegner beschimpfen die sogenannten Klimakompensationen allerdings oft als Ablasshandel. Und tatsächlich lassen sich durch derlei Angebote weitere Umweltschäden minimieren, aber nicht verhindern. Die Befürchtung, dass Unternehmen nur noch kompensieren, statt ihre eigenen CO2 - Emissionen runterzufahren, sieht auch Greenpeace. Und wie realistisch sind sie? Wollte BP den CO2 - Ausstoß über die Wiederaufforstung kompensieren, müsste der Konzern circa 33 Milliarden Bäume pro Jahr pflanzen. Das ist knapp ein Drittel der Waldfläche der Bundesrepublik. "Dafür bräuchte es wahrscheinlich ein neues Brasilien", sagt Schinerl.
Aus Sicht von Experten vom Carbon Disclosure Project brauchen vor allem die emissionsintensiven Industrien wie Zement, Chemie, Metalle und Stahl bahnbrechende Technologien, um die eigenen Ziele und die des "Green Deals" der EU erreichen zu können. Denn auf diese Branchen kommt es an: Sie sind verantwortlich für 38 Prozent der Emissionen. Laut CDP entfällt auf sie aber nur fünf Prozent der gesamten Investitionen europäischer Unternehmen in CO2 - senkende Technologien. Dazu zählt beispielsweise die sogenannte CCU-Technik, also die Abscheidung von CO2 und die Wiederverwendung zur Herstellung von Chemikalien.
Schon jetzt wird die Technologie etwa in der Stahlindustrie erprobt. So betreibt der Industriekonzern Thyssen-Krupp in Duisburg eine Testanlage, in der das bei der Stahlproduktion anfallende CO2 unter anderem für die Produktion von Ammoniak und Synthesegas wiederverwendet wird. Gleichzeitig setzt der Ruhrkonzern aber auch auf die Vermeidung von CO2 und will langfristig die Kohle in den eigenen Prozessen durch klimaneutralen Wasserstoff ersetzen. Rund zehn Milliarden Euro soll der Umbau bis 2050 kosten. Doch damit ist es nicht getan: Um den Wasserstoff auch klimaneutral zu erzeugen, braucht es erneuerbare Energie. So rechnet etwa die IG Metall mit einem zusätzlichen Bedarf von 12 000 Windrädern, um die deutschen Hersteller mit ausreichend Wasserstoff zu versorgen.
Vor einer gewaltigen Herausforderung stehen auch die Stromproduzenten, allen voran RWE: Aktuell ist der Stromproduzent Europas größter Emittent des Treibhausgases. 2018 emittierte der Konzern mit seinen Kohle- und Gaskraftwerken 118 Millionen Tonnen CO2 - 2019 wird es nicht viel weniger gewesen sein. Bis 2040, so verkündete Konzernchef Rolf Martin Schmitz im vergangenen Herbst, will aber selbst RWE klimaneutral sein. Bis 2030 will der Konzern seinen Ausstoß schon um 70 Prozent im Vergleich zu 2012 reduzieren.
Ein großer Teil des ambitionierten Planes wird dem Energiekonzern dabei vorgegeben. Bis 2038 muss RWE - so sieht es das jüngst beschlossene Gesetz zum Kohleausstieg vor - die Förderung und Verstromung von Kohle beenden. Aber auch in Großbritannien wird RWE 2020 das letzte Kohlekraftwerk stilllegen. In den Niederlanden, die bis 2030 aus der Kohle aussteigen, ist RWE dabei, Anlagen auf Biomasse umzurüsten.
RWE geht aber auch aktiv das Projekt Klimaneutralität an. Der Konzern ist mit dem Tauschgeschäft mit Eon wieder zum großen Spieler bei erneuerbaren Energien geworden. 2040 wird RWE ein großes Portfolio an Wind- und Solaranlagen betreiben - und daneben Stromspeicher, Biomassekraftwerke und Gasanlagen. Die Gaskraftwerke will RWE dabei größtenteils mit "grünem" Gas befeuern, also Gas, das durch erneuerbare Energien erzeugt wurde. Es seien zwar auch Kompensationsmaßnahmen denkbar, sagte eine Sprecherin, aber nur in einem "ganz geringen Maße".
In der Chemieindustrie ist die Emissionssenkung vor allem für die Produzenten von Basischemikalien, die nahe am Rohstoff Öl und Gas sind, eine Riesenherausforderung. Zwar könnten sie den für Chemikalien und Kunststoffe nötigen Kohlenstoff auch aus anderen Quellen generieren, etwa aus CO2 . Doch dafür werden ebenso wie in der Stahlindustrie große Mengen an Strom benötigt, der aus regenerativen Quellen kommen müsste.
Nach Berechnungen der Dechema Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie und der Beratungsgesellschaft Future Camp würde der Strombedarf der deutschen Chemieindustrie um 628 Terawattstunden jährlich steigen, um Klimaneutralität zu erreichen. Das entspricht der gesamten deutschen Stromproduktion von 2018.
Dennoch sind die Ziele vieler Chemieunternehmen nicht utopisch. Bayer will bis 2030 klimaneutral sein. Der Konzern hat im vergangenen Jahr CO2 - Emissionen in Höhe von vier Millionen Tonnen verursacht. Rund 60 Prozent davon kann der Konzern über den Bezug von grünem Strom und durch bessere Energieeffizienz erreichen. Der Rest muss an anderer Stelle eingespart werden.
Bayer will das über ein Geschäftsmodell erreichen: Die Landwirte sollen neues Saatgut und Digitaltechnik zu Bewirtschaftung ihrer Farmen einsetzen, um auf weniger Land höhere Ernten zu erzielen. Der Leverkusener Konzern will die Bauern dann dafür bezahlen, dass sie die frei werdende Fläche CO2 - bindend aufforsten.
Manchmal kann auch in der Chemie der entscheidende Schritt schon über simple technologische Umsteuerung erreicht werden. Das zeigt sich bei der Lanxess AG. Bis 2040 will der Spezialchemiekonzern seine aktuell 3,2 Millionen Tonnen CO2 neutralisieren. Lanxess misst dies in CO2 - Äquivalenten. Darin ist nicht nur Kohlendioxid enthalten, sondern auch der Ausstoß von Lachgas, das in der Produktion der Kölner eine größere Rolle spielt. Das Gas hat einen 300-fach höheren Effekt aufs Klima als CO2 . Derzeit baut der Konzern in Antwerpen eine neue Anlage zur Zersetzung von Lachgas. Allein dies soll bis 2023 rund 300 000 Tonnen CO2 einsparen.
