Wer zahlt das teurere Trinkwasser?

Rückstände von Medikamenten und andere Spurenstoffe machen Milliardeninvestitionen in die Wasseraufbereitung erforderlich. Jetzt entbrennt der Streit über die Finanzierung

Noch beherrscht die Nitratbelastung die Diskussion über sauberes Trinkwasser, doch der nächste Problembereich kündigt sich bereits an: Spurenstoffe. Rückstände etwa von Medikamenten, Reinigungsmitteln oder Tierarznei, die einzeln nur in sehr geringen Mengen auftauchen, sich aber zu einer besorgniserregenden Belastung addieren können. Und die wird wachsen. Bis zum Jahr 2045, warnt der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), werde allein der Medikamentenverbrauch in Deutschland um bis zu 70 Prozent steigen - schon weil das Durchschnittsalter der Bevölkerung zunehme. Nachdem die Arzneien den menschlichen Körper durchwandert haben, erreicht das meiste davon irgendwann die Kläranlage.

Die Qualität des Trinkwassers in Deutschland bleibe weiterhin hoch, versichert der für Wasser zuständige BDEW-Hauptgeschäftsführer Martin Weyand. Das große Aber: "Die Kosten für die Aufbereitung werden bei zunehmender Belastung der Gewässer deutlich steigen." Wie deutlich, das hat der Verband in einer Studie der Management- Beratung Civity ausrechnen lassen: Einrichtung und Betrieb einer weiteren - der vierten - Stufe in Tausenden Kläranlagen schlagen danach mit 1,2 Milliarden Euro pro Jahr zu Buche. Die Gebühren würden dadurch rechnerisch bundesweit um jährlich durchschnittlich 14 Prozent steigen. Für einen Vier-Personen- Haushalt bedeute das eine Zusatzausgabe von 60,80 Euro pro Jahr. Derzeit kostet Trinkwasser im Schnitt rund 1,70 Euro pro Kubikmeter, dazu kommt noch einmal das Doppelte für Abwasser. Die regionalen Schwankungen sind allerdings groß.

Über die Finanzierung der Kosten für die vierte Klärstufe ist ein Streit zwischen Pharmaindustrie und Wasserwirtschaft entbrannt. In der vom BDEW bezahlten Civity-Studie wird eine Abgabe auf rezeptpflichtige Medikamente vorgeschlagen. "Bezogen auf die Einnahme eines Medikaments beispielsweise über 30 Tage hinweg ergäbe sich so eine vergleichsweise geringe Belastung von 0,75 Euro", rechnen die Autoren die Folgen für Patienten und Krankenkassen vor.

Der Vorteil gegenüber einer Erhöhung der Abwassergebühren besteht laut BDEW darin, dass ein Anreiz zur Senkung des Arzneimittelverbrauchs gesetzt und damit das Übel an der Wurzel gepackt werde. Eine andere Möglichkeit bestehe darin, einen Fonds zu errichten, den die Erzeuger von Arzneimitteln "entsprechend der Umweltbelastung einzelner Medikamente" füllen sollen. Die Pharmaindustrie lehnt ein solches Ansinnen grundsätzlich ab. "Die Beseitigung von Spurenstoffen sollte als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gesehen und daher beispielsweise über eine Novellierung der Abwasserabgabe finanziert werden", sagte ein Sprecher des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie.

Für diesen Weg habe sich beispielsweise die Schweiz entschieden, die in dieser Hinsicht ein Vorbild für Deutschland sein könne. Schließlich gelangten Arzneimittel zu 98 Prozent durch menschliche Ausscheidungen im Privathaushalt oder Krankenhaus und durch falsche Entsorgung ins Abwasser und damit in die Gewässer, argumentiert die Pharma-Lobby.

Die Wasserwerker halten dagegen. "Das Fondsmodell ist eine ökologisch und ökonomisch effiziente Lösung, die Arzneimittelherstellern Anreize bietet, Einträge zu vermeiden oder Innovationen voranzubringen, um Rückstände in die Umwelt zu verringern", sagte Weyand gegenüber WELT. Die Kosten für die Entfernung der Arzneimittelrückstände würden dabei auf alle Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette umgelegt. Bei einer Finanzierung über die Abwasserabgabe müssten allein die Bürger die Finanzierungslast tragen. Diese könnte sich nach der Studie von Civity im Lauf von drei Jahrzehnten auf 36 Milliarden Euro aufaddieren.

Dazu kommt: Während die Nitratbelastung meist nur bestimmte, landwirtschaftlich besonders intensiv genutzte Regionen trifft, tritt das Problem der Medikamentenrückstände flächendeckend in ganz Deutschland auf. Wenn die Prognosen stimmen, werden in einem Vierteljahrhundert jährlich 50.000 Tonnen Arzneimittel in Deutschland verbraucht - und wieder ausgeschieden.

Eine vierte Reinigungsstufe - nach der mechanischen, biologischen und chemischen Reinigung - ist unter Experten nicht unumstritten. Das Herausfiltern von Mikroschadstoffen etwa durch Aktivkohle, Membrane oder mithilfe von Ozon treibe nicht nur die Kosten hoch, sondern verschlechtere auch die Ökobilanz der Kläranlagen, heißt es. So steige deren Energieverbrauch um bis zu 40 Prozent. "Spurenstoffe werden im Abwasser am besten vermieden, indem sie erst gar nicht den Weg ins Wasser finden", so die Essener Emschergenossenschaft, einer der größten deutschen Wasserversorger.

Dennoch stellen sich die meisten Wasserwerker darauf ein, dass eine Vermeidungsstrategie alleine nicht reichen wird. Derzeit wird bundesweit in mehreren Dutzend Anlagen noch nach der besten Klärtechnik geforscht. Bis zu 90 Prozent der Schadstoffe kann eine vierte Reinigungsstufe entfernen. Generell gilt die Qualität des Trinkwassers in Deutschland als zufriedenstellend. Fast alle Proben zeigten eine "sehr gute" Qualität, meldet etwa das Umweltbundesamt. Auch die Stiftung Warentest kam letzten Sommer zu dem Ergebnis: "Unser Nass aus dem Hahn ist sicher." Allerdings fanden die Tester in Einzelfällen Reststoffe wie Spuren von Desethylatrazin, einem Abbauprodukt des Unkrautvernichters Atrazin. Der ist zwar längst verboten, doch noch nicht vollständig aus den Böden ausgeschwemmt. In der Nähe von Großstädten fanden sich Spuren von Süßstoffen wie Acesulfam-K, Cyclamat oder Saccharin. Auch Rückstände des Schmerzmittels Diclofenac, von Röntgenkontrastmitteln und Tierarzneistoffen wurden entdeckt. Mit dem Regen gelangen zudem Flammschutzmittel aus Baustellen, Reifenabrieb von den Straßen oder Algenschutz von Fassadenanstrichen in die Kläranlagen.

Auch natürliche Stoffe können problematisch sein, wie einige von Cyanobakterien während der Algenblüte erzeugte Gifte. "Deshalb gilt es, 'Fremdstoffe' aus dem Trinkwasser herauszuhalten - so weitgehend wie möglich und vorsorglich auch für solche, durch die bislang keine Gesundheitsrisiken bekannt sind", notiert das Umweltbundesamt. Wie stark die Belastungen ausfallen, hängt nicht zuletzt von den privaten Haushalten ab. So gilt nach einer Übersicht des Bayerischen Landesamts für Umwelt immer der Grundsatz: "Potenziell schädliche Substanzen gehören in die Müllverbrennung - niemals ins Abwasser." Auch nicht benutzte Medikamente sollten keinesfalls im Waschbecken oder in der Toilette entsorgt werden. Besser sei es, Altmedikamente in den Restmüll zu geben, da dieser - zumindest in Bayern - fast überall verbrannt werde. Auch Chemikalienreste wie Farben, Desinfektionsmittel oder Insektenvernichtungsmittel dürfen nicht in die Toilette gekippt, sondern müssen im Hausmüll oder über eine Sammelstelle für Problemabfälle entsorgt werden. Ohnehin sei es besser, im Garten und Haushalt auf Hausmittel statt auf Chemie zurückzugreifen.

Dazu hat die Umweltbehörde sogar konkrete Tipps parat, beispielsweise in Sachen Desinfektionsmittel: "Spiritus mit mindestens 75 Prozent Alkohol ist eine sinnvolle Alternative: preiswert, wirksam und ein vollständig abbaubares Naturprodukt."