Bürgermeister Peter Tschentscher legt einen Plan zum vorzeitigen Kohle-Ausstieg vor

Wasserstoff statt Kohlekraft

Es ist ein Paukenschlag in der Hamburger Energiedebatte – und auch bundesweit ein Ausrufezeichen: Die an der Elbe regierende SPD will das Mega-Kohlekraftwerk Moorburg deutlich früher stilllegen als zum bisher genannten Zeitpunkt 2038.

HAMBURG

Völlig überraschend hat SPD-Bürgermeister Peter Tschentscher gestern vorgeschlagen, einen von zwei Blöcken vom Netz zu nehmen, den anderen auf Gasbetrieb umzustellen und obendrein auf dem Gelände die weltweit größte Wasserstoffanlage zu errichten. Perspektivisch, sagte Wirtschaftssenator Michael Westhagemann (parteilos), könnten für den Betrieb der Gasturbinen 40 oder mehr Prozent Wasserstoff beigemischt werden. Tschentscher bewertete den Vorschlag als „visionär“.

Das von Kritikern als „CO2-Monster“ bezeichnete Steinkohlekraftwerk hat in Hamburg hohe Symbolkraft. Mit zwei Blöcken zu je 840 Megawatt elektrischer Leistung gehört es zu den größten konventionellen in Europa. Schon bei Inbetriebnahme 2015 galt die drei Milliarden Euro teure Doppelblockanklage als überdimensioniert, Betreiber Vattenfall schreibt damit hohe Verluste – auch, weil das vorgesehene Auskoppeln von Fernwärme an Umweltschützern und den Hamburger Grünen scheiterte. Moorburg deckt rund 90 Prozent des Strombedarfs der Stadt, stößt mit mehr als sechs Millionen Tonnen CO2 pro Jahr aber mehr von dem Klimagas aus als jedes andere Kraftwerk in Norddeutschland.

Zweck der „Idee“ sei es, möglichst früh aus der Kohle auszusteigen, nicht erst 2038, sagte Tschentscher. Einen Zeitplan für die skizzierte Umstellung Moorburgs auf Gas und Wasserstoff gebe es noch nicht. Zunächst solle eine Machbarkeitsstudie erstellt werden. Inoffiziell gilt im Rathaus 2030 als realistische Zielmarke für die Abschaltung der Kohlebefeuerung.

Treiber der Idee ist Westhagemann, der als Siemens-Manager erneuerbare Energien forcierte und nun auf emissionsfreie Wasserstoffwirtschaft setzt. „Der Standort Moorburg ist ideal für einen Wasserstoff-Hub“, sagte der parteilose Senator. Es gebe es eine direkte 370- Kilovolt-Stromleitung nach Brunsbüttel. „Wir können also direkt Windstrom beziehen.“ Mit diesem soll auf dem Kraftwerksgelände „grüner“ Wasserstoff entstehen.

Abnehmer des Energieträgers und Grundstoffs gebe es im Hafengebiet genügend, darunter Stahlhersteller Arcelor Mittal sowie diverse Chemieunternehmen, die Wasserstoff als Grundstoff nutzen wollen. Das Konzept verbinde technische Innovation mit Umweltschutz und Industriepolitik, lobte Bundesumweltministern Svenja Schulz (SPD). Sie sagte Fördermittel des Bundes zu.

Zu den Kosten der Umstellung und zur Frage, wer das neue Kraftwerk betreiben soll, machten die Verantwortlichen keine Angaben. Die SPD ist offen sowohl für eine Teilübernahme durch die Stadt als auch den Verkauf an einen Investor sowie den Weiterbetrieb durch Vattenfall. Der schwedische Energiekonzern zeigte sich gesprächsbereit. Wasserstoff könne im Rahmen des Kohleausstiegs als Alternative eine Rolle spielen, hieß es in einer Stellungnahme.

Während die Opposition die Pläne als unausgegoren zurückwies, wurde der grüne Senatspartner vom Vorstoß des Bürgermeisters überrumpelt. Der grüne Umweltsenator Jens Kerstan verschnupft: „Einen Tag vor dem Klimastreik und drei Tage vor der Wahl mit so einer Ideenskizze zu kommen, ist wenig überzeugend.“ Den „vagen Ideen der SPD“ hätte es gutgetan, „wenn sie die Expertise der städtischen Energieunternehmen und der Energiebehörde hinzugezogen hätte“.