"Wichtig ist es, sich auf realistische Ziele zu konzentrieren"
Welche fünf Trends beeinflussen die Kommunalwirtschaft derzeit am stärksten? Und was ist hier die größte Herausforderung für Stadtwerke? Die ZfK im Interview mit Henry Otto, Partner der Beratungsgesellschaft PWC.
Was sind in Ihren Augen die wichtigsten Trends für Stadtwerke in den kommenden Jahren?
Wir sehen fünf Megatrends für die Energiewirtschaft. Neben dem immer wichtigeren Trend des Fachkräftemangels, sind es die Energiewende, die Digitalisierung, das veränderte Kundenverhalten und der Regulierungsdruck.
Der Fachkräftemangel stellt die ganze Gesellschaft vor große Herausforderungen. Bereits heute zeigt sich für Energieversorger, dass sich die Aufgaben in den Unternehmen ändern und damit die Anforderungen an die Mitarbeitenden. Neue Jobprofile entstehen, insbesondere im IT-Umfeld. Die Rekrutierung der Spezialisten ist bereits heute anspruchsvoll.
Die Energiewende nimmt wieder Fahrt auf. Das Klimaschutzpaket mit CO2-Bepreisung und verschiedenen Förderprogrammen, der Atom- und Kohleausstieg und der Ausstieg aus der EEG-Förderung führt zu einem Transformations- und Investitionsbedarf, insbesondere in erneuerbare auch dezentrale Energien inklusive Wasserstoff, mit enormen Chancen für Stadtwerke.
Die digitalen Möglichkeiten durch neue Technologien steigen und nehmen, durch den bevorstehenden Smart Meter Rollout, nun endlich auch für Energieversorger, weiter zu.
Kunden haben die Erwartung einer digitalen, über alle Kanäle verbundenen Kundenerfahrung, wie man es bei Internetkäufen gewohnt ist. Zudem spielen Nachhaltigkeit und die Nachfrage nach maßgeschneiderten Energielösungen (z. B. Prosumer mit PV Anlage und Speicher) im Kundenverhalten eine zunehmende Rolle.
Die andauernde Niedrigzinsphase sorgt für weiter sinkende Renditen im Netzgeschäft. Der so steigende Regulierungsdruck sorgt für die Notwendigkeit Effizienzen zu heben.
Was können Stadtwerke tun, um nicht auf der Strecke zu bleiben? Wo sehen Sie besondere Gefahren?
Stadtwerke müssen sich diesen Herausforderungen stellen. Das nicht aktiv genug zu tun, ist sicher die größte Gefahr. Dabei sind individuelle Lösungen zu finden, die von einer stärkeren Fokussierung und den Ausbau von Infrastrukturleistungen – wie Breitbandausbau–, der weiteren Übernahme kommunaler Dienstleistungen – etwa Mobilitätskonzepte oder Smart City – bis hin zur Entwicklung zum digitalen Serviceprovider an der Endkundenschnittstelle reichen. Dabei sollten sich die Stadtwerke auf realistische Ziele konzentrieren und lieber kleine Schritte tun, als sich in großen, kaum erreichbaren Visionen zu verlieren.
Wie bewerten Sie den Start des Rollouts intelligenter Messsysteme?
Der Start des Rollouts intelligenter Messsysteme ist lange überfällig. Der lange andauernde politische Prozess und der unendlich scheinende Zertifizierungsprozess hat einerseits das Vertrauen in das Thema belastet und einzelnen Unternehmen – sowohl in der Energiewirtschaft, als auch bei den Herstellern - Amortisations Chancen geraubt. Zudem muss es jetzt einmal im größeren Stil losgehen, um wirklich Erfahrungen im Feld zu gewinnen. Dadurch sollte der weitere Entwicklungsprozess deutlich schneller voranschreiten können
Durch den offiziellen Rollout-Beginn entsteht für Energieversorger und am Markt endlich eine Sicherheit, die die weitere Entwicklung von Mehrwertdiensten für Endverbraucher positiv fördern wird.
Welche Geschäftsmodelle ergeben sich in Ihren Augen mit dem neuen Messsystem?
Das intelligente Messsystem ist als eine Art Basis-Infrastruktur zu verstehen. Mit dieser Infrastruktur können Produkte angeboten werden, die sehr nah am heutigen Kerngeschäft sind, wie flexible und individuelle Tarife. Des Weiteren können auch neue Mehrwert Services durch Energieversorger in der Rolle des wettbewerblichen Messstellenbetreibers angeboten werden. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Monitoring und Benchmark Leistungen für Filialisten, die auf Basis von intelligenten Messsystemen hoch automatisiert möglich sind. Auch Multi Metering Angebote wie etwa für die Wohnungswirtschaft werden auf der Basis des intelligenten Messsystems möglich. Während diese Geschäftsmodelle sehr nah am Metering liegen, ist das intelligente Messsystem aber auch Enabler für komplexere Lösungsangebote rund um das Thema dezentrale Versorgung und Energiemanagement. Hier liefert das intelligente Messsystem dann einen wichtigen Beitrag zur Sektorenkopplung.
Welche für Stadtwerke lukrative Geschäftsmodelle ergeben sich durch die Digitalisierung allgemein?
Über die Geschäftsmodelle im Zusammenhang mit dem neuen Messsystem hinaus, ergeben sich neue Geschäftsmodelle durch die Bereitstellung digitaler Kommunikationsinfrastruktur. Hier ist die Beteiligung im Breitbandausbau genauso zu nennen, wie die Bereitstellung schmalbandiger Funknetze, wie sie für Smart City Anwendungen benötigt werden. Über die Bereitstellung der Infrastruktur hinaus können auch Smart City Dienstleistungen für die Kommune angeboten werden. Die Palette reicht vom smarten Betrieb der Straßenbeleuchtung, über die intelligente Parkraumbewirtschaftung bis hin zur ganzheitlichen Verkehrslenkung.
Zudem dient die Digitalisierung im Umfeld der Energieversorger nicht nur dazu, neue lukrative Geschäfte zu erschließen, sondern insbesondere auch dazu, bestehende Geschäftsmodelle besser, effizienter und für den Kunden komfortabler zu gestalten.
Die größte Herausforderung für Stadtwerke in den kommenden Jahren ist … die richtigen Mitarbeitenden zu gewinnen und langfristig in einem interessanten, abwechslungsreichen Arbeitsumfeld zu binden.
Die Fragen stellte Stephanie Gust
