Land weist Gift im Grundwasser nach

Regional sind verschiedene Rückstände von Pflanzenschutzmitteln verbreitet. Der Verband der Wasserversorger ist beunruhigt.

KIEL

Es sind alarmierende Zahlen, die das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) vorlegt: Von 232 im Zeitraum von 2016 bis 2018 untersuchten Grundwassermessstellen in Schleswig-Holstein sind 75 Prozent mit Wirkstoffen von Pflanzenschutzmitteln belastet. An 68 Messstellen waren Rückstände bedenklicher Gifte nachweisbar, an neun Orten lag die Belastung tatsächlich über dem erlaubten Schwellenwert. So etwa mit Acetochlor ESA, Abbauprodukt eines Monsanto-Präparats, und Desethylatrazin, das im Verdacht steht, Brustkrebs zu fördern. „Pflanzenschutzmittel haben im Grundwasser nichts verloren“, kritisiert Roman Kaak, Geschäftsführer des Verbands der Schleswig-holsteinischen Energie- und Wasserwirtschaft (VSHEW). Er sei beunruhigt: Zwar liege das Trinkwasser deutlich tiefer als das Grundwasser, das aber sei „nur ein schwacher Trost“. „Niemand kann garantieren, dass verunreinigtes Grundwasser nicht doch eines Tages in unsere Trinkwasserbrunnen gelangt.“ Er fordert „rasche Maßnahmen“, um den Eintrag von Pflanzenschutzmitteln in der Natur zu reduzieren und Schutzzonen für Gewässer auszuweiten. Der Gift- Einsatz müsse strenger überwacht werden. Es müsse schärfer kontrolliert werden, was Landwirte an Giften kaufen und in welchen Mengen diese ausgebracht würden. Auch Ann Kristin Montano, Referentin der Naturschutzorganisation BUND in Kiel, macht die „industrielle Agrarwirtschaft“ für die Einträge verantwortlich. BUND-Gewässerschutzexperte Volker Sokollek weist darauf hin, dass Schleswig-Holstein das Land mit dem kleinsten Flächenanteil an Trinkwasserschutzgebieten sei. „Eine konsequente Ausweitung und Ausweisung muss nun zeitnah erfolgen.“ Stephan Gersteuer, Generalsekretär des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, bestreitet indes, dass die Bauern zu viel Gift auf die Felder gebracht haben könnten. Nicht für alles seien die Landwirte verantwortlich, auch die Bahn verwende Herbizide, Giftstoffe könnten auch von neuen Anstrichen an Hauswänden stammen. „Alles, was wir auf die Felder aufbringen, ist irgendwie nachweisbar“, erklärt der Landwirt. Je nach Witterung lasse sich eine Auswaschung im oberflächennahen Wasser nicht immer verhindern. Es sei ein Erfolg, dass im Trinkwasser solche Giftstoffe nicht mehr nachweisbar seien. „Wir haben es im Griff, das belegen die Ergebnisse.“ Zur Entwarnung aber sieht das LLUR keinen Anlass. Durch die Giftstoffe werde „der Grundwasserkörper in einen schlechten Zustand versetzt“, teilt die Behörde mit. Es müssten nun Maßnahmen festgelegt werden, die zur Verminderung der Stoffkonzentrationen im Grundwasser führen. „Aufgrund der sehr langsam verlaufenden Tiefenverlagerung“ seien allerdings auch Giftstoffe nachweisbar, die bereits seit mehreren Jahren nicht mehr zugelassen seien. Darunter auch das möglicherweise krebserregende Desethylatrazin, bei dem eine Schwellenwertüberschreitung in Witsum auf Föhr nachgewiesen wurde. Es sei davon auszugehen, dass diese Stoffe inzwischen nicht mehr eingesetzt würden. „Dennoch treten sie regelmäßig, wenn auch mit deutlich abnehmenden Fundhäufigkeiten im Grundwasser auf.“ Regional sind die Belastungen sehr unterschiedlich. Belastungen mit Rückständen über dem erlaubten Schwellenwert fanden sich laut LLUR etwa südlich und östlich von Mölln, bei Ahrensburg und nördlich von Bad Segeberg. Metolachlor beispielsweise, das zur Unkrautbekämpfung im Maisanbau genutzt wird, fand sich laut LLUR-Karte zwischen Schwarzenbek und Büchen sowie nördlich von Bad Oldesloe. Metazachlor, das im Rapsanbau Anwendung findet, wurde bei Geesthacht, nördlich von Schwarzenbek und östlich von Trappenkamp nachgewiesen. Tolylfluanid, als Fungizid im Obst- und Gemüseanbau und von Baumschulen verwendet, wurde im südlichen Bereich Schleswig-Holsteins festgestellt, so bei Ahrensburg. „Wir werden mit den Herstellern der Pflanzenschutzmittel über diese Funde reden, aber auch der Bund muss sich kümmern“, erklärte Umweltminister Jan Philipp Albrecht in Kiel. „Teilweise sind Ausgangsstoffe zugelassen, die schädliche Abbauprodukte freisetzen. Der Bund muss prüfen, ob die Anwendung verändert oder eingeschränkt werden kann.“ Darüber hinaus werde das Ministerium versuchen, mit Landwirten, Wasserversorgern und -verbänden Lösungen zu finden.