Wie mit Ökostrom getrickst wird
Grüne Energie oftmals billiger. Aber nicht jeder, der damit wirbt, liefert diese auch. Hamburger Umweltorganisation Robin Wood ermittelt die besten Anbieter.
HAMBURG
In Metropolen wie Hamburg favorisieren immer mehr Bürger Ökostrom. Sie wollen weg von konventionellen Energiequellen, nicht zuletzt wegen der Klimaschutzdiskussion. Die Auswahl der grünen Anbieter ist dabei riesig. Über 100 Ökostromtarife werden den Hamburgern angepriesen. Doch wann lohnt sich der Wechsel aus ökologischer Sicht? Fällt die Energierechnung höher aus als bei konventionellem Strom? Was sind die Tricks der Anbieter? Das Abendblatt beantwortet die wichtigsten Fragen.
Wie verbreitet ist Ökostrom?
In Hamburg entscheiden sich 50 Prozent der Haushalte, die den Anbieter wechseln, für Ökostrom. Dabei gibt es nach einer Studie von Verivox große Unterschiede zwischen den Stadtteilen. Während im Schanzenviertel 63 Prozent Neukunden Ökostrom kaufen, sind es in Bergedorf nur 38 Prozent. Der bundesdeutsche Durchschnitt der Wechsler zu Ökostrom liegt bei 34 Prozent. Die Zahlen beziehen sich aber nur auf neue Tarifabschlüsse. Nach den Zahlen der Bundesnetzagentur beziehen elf Millionen Haushalte in Deutschland grünen Strom, was einem Anteil von 24 Prozent entspricht.
Was spricht generell für einen Anbieterwechsel?
Im Frühjahr steigen die Strompreise. Für die Monate Februar, März und April haben 86 örtliche Stromversorger, darunter auch Vattenfall, Preiserhöhungen in der Grundversorgung von durchschnittlich 8,1 Prozent angekündigt.
Was ist Ökostrom?
Ökostrom kommt aus regenerativen Energiequellen wie Sonne, Wind- oder Wasserkraft. Gegenüber konventionell erzeugtem Strom ergeben sich zwei wesentliche Vorteile: Die Ökostromquellen sind unbegrenzt verfügbar, und es entstehen bei der eigentlichen Energieerzeugung keine CO2-Emissionen. Nach einem Wechsel kommt aber nicht automatisch Ökostrom aus der Steckdose. Die Versorgung läuft weiter über den Stromanbieter vor Ort. Doch der neue Anbieter speist den Ökostrom in das Netz ein, sodass sich der Ökostromanteil insgesamt erhöht. Im vergangenen Jahr lag der Anteil der erneuerbaren Energien am gesamten Stromverbrauch bei 47,3 Prozent. 2014 waren es erst 27,4 Prozent.
Was sind verlässliche Anbieter?
Die Hamburger können zwar unter mehr als 100 Ökostromtarifen wählen. Doch die Hamburger Umweltorganisation Robin Wood hat in ihrem neuesten Ökostromreport nur zehn Anbieter ausgemacht, die strenge Kriterien erfüllen (s. Grafik). Aus Hamburg ist darunter nur Greenpeace Energy. „Wir raten Verbrauchern, genau hinzusehen, von wem sie Ökostrom beziehen“, sagt Ronja Heise, Energiereferentin bei Robin Wood. „Wir empfehlen nur Anbieter, die ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energiequellen verkaufen und die eigentumsrechtlich und auch in ihrem Strombezug unabhängig von der Kohle- und Atomindustrie sind.“ Außerdem müssen die Unternehmen die Energiewende durch feste Investitionsprogramme in neue Anlagen fördern. So bleiben nur diese Anbieter übrig: Naturstrom, Strom von Föhr, Greenpeace Energy, Elektrizitätswerke Schönau, Klimaschutz + Energiegenossenschaft, Greencity, Mann Naturenergie, Polarstern, Bürgerwerke und Grün Power. In einer Untersuchung des Hamburger Instituts für Servicequalität, die auch die Vertragsbedingungen mit einbeziehen, wurden Polarstern, Greenpeace Energy und Naturstrom mit „sehr gut“ bewertet. Lichtblick erhält das Qualitätsurteil „gut“.
Warum wird Lichtblick nicht mehr von Robin Wood empfohlen?
2016 stand Lichtblick noch auf der Empfehlungsliste von Robin Wood, in diesem Jahr nicht mehr. Denn Lichtblick erfüllt das Kriterium eines Mindest- Förderbetrages von 0,5 Cent pro Kilowattstunde (kWh) für die Energiewende nicht. Vor vier Jahren waren lediglich 0,1 Cent/kWh gefordert. „Wir haben 0,2 Cent/kWh in Innovationen der Energiewende investiert“, sagt Volker Walzer von Lichtblick. „Da wir aktuell rund 480.000 Haushalte beliefern, kommen wir auf eine Investitionssumme von 2,5 Millionen Euro.“ Das sei sicherlich mehr als bei dem einen oder anderen empfohlenen Anbieter, der das Kriterium mit 0,5 Cent/kWh zwar erfülle, aber deutlich weniger Kunden versorge, so Walzer. Ob Hamburg Energie die Kriterien erfüllt, bleibt derweil unklar. Robin Wood behauptet, der von ihnen versendete Fragebogen sei vom Unternehmen nicht beantwortet worden. Hamburg Energie kontert: „Bei uns ist keine Anfrage von Robin Wood eingegangen.“ In den vergangenen zehn Jahren habe man über 110 Millionen Euro in erneuerbare Energien, also in Photovoltaik- und Windkraftanlagen, investiert, so Michael Prinz, Sprecher der Geschäftsführer von Hamburg Energie.
Warum ist das so kompliziert mit dem Ökostrom?
Ökostrom ist kein gesetzlich geschützter Begriff. Was als Ökostrom eingestuft wird, hängt von den verwendeten Kriterien ab. So gibt es für die Bewertung von Ökostrom Siegel wie OK Power oder Grüner Strom, die ebenfalls als Orientierung für Verbraucher dienen. „Doch bei den bekanntesten Ökostromlabeln spielen die wirtschaftlichen Verflechtungen mit der Kohle- und Atomindustrie nur eine untergeordnete Rolle“, sagt Heise. Häufig werde auch Strom von alten Wasserkraftanlagen bezogen, ohne dass in den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien investiert wird, kritisiert Heise.
In der Europäischen Union (EU) produzierter Strom aus erneuerbaren Energien hat einen Herkunftsnachweis, der aber getrennt von der tatsächlich produzierten Energie gehandelt werden kann. So können Wasserkraftwerke in Norwegen diese Zertifikate an deutsche Stromanbieter verkaufen. So wird auch konventionell erzeugter Strom zu Ökostrom, lediglich durch einen gekauften Herkunftsnachweis. Der Strom in Norwegen wird im Gegenzug so etwas „grauer“, weil er dann nicht mehr als Ökostrom verkauft werden kann. Doch das stört die Verbraucher in Norwegen nicht, wissen sie doch, dass ihr Strom weiterhin eigentlich aus Wasserkraft stammt. Eine direkte Stromleitung zwischen Norwegen und Deutschland gibt es ohnehin noch nicht. „Auch der durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) geförderte Strom kann eigentlich nicht als Ökostrom vermarktet werden“, sagt der Manager eines Energieversorgers. Für diesen Strom dürfen in Deutschland nämlich keine Herkunftsnachweise ausgestellt werden.
Ist Ökostrom teurer als konventionell erzeugter?
Nein, das zeigt der Vergleich von zwölf Ökostromanbietern mit dem aktuellen Durchschnittspreis für die Kilowattstunde Strom. Er liegt laut Verivox bei durchschnittlich 30,01 Cent/kWh. Der Durchschnittspreis der Ökostromanbieter beträgt 29,93 Cent/kWh. Bei einem Verbrauch von 1500 kWh im Jahr sind Naturstrom, Strom von Föhr und das Hamburger Unternehmen Greenpeace Energy die günstigsten Anbieter (s. Grafik). Für einen Verbrauch von 4000 kWh machen Naturstrom, Elektrizitätswerke Schönau, Klimaschutz + Energiegenossenschaft sowie Hamburg Energie das günstigste Angebot. Verglichen mit dem Grundversorgertarif von Vattenfall sind alle Ökostromtarife in der Übersicht deutlich günstiger. Das Einsparpotenzial bei einem Verbrauch von 4000 kWh im Jahr beträgt für eine Familie bis zu knapp 160 Euro im Jahr.
Welche Kriterien sind beim Wechsel wichtig?
Der Preis sollte mindestens für zwölf Monate fix sein. Allerdings garantieren die meisten Anbieter das nur für jene Preisbestandteile, die nichts mit Steuern und anderen Abgaben zu tun haben. Die Kündigungsfrist sollte nicht mehr als sechs Wochen betragen und die Vertragslaufzeit zwölf Monate nicht überschreiten.
