Bauern-Kundgebung füllt den Marktplatz

Redner kritisieren Agrarpolitik und mangelnde Wertschätzung

HEIDE

Schon lange vor Kundgebungsbeginn ist es laut in Heide. Zahlreiche Traktoren fahren in die Kreisstadt. Ziel ist der seit dem frühen Morgen gesperrte Marktplatz. Als Mitorganisator Johann Holtmeier die Kundgebung eröffnet, bietet sich ihm von der Bühne an der Südseite aus ein eindrucksvolles Bild. „Wahnsinn, wie voll das hier ist“, freut sich Holtmeier, kommt dann sofort zur Sache. Die Bauern hätten keineswegs etwas gegen Umweltschutz: „Aber nur mit uns.“ Der ganze Berufsstand erlebe, dass er diskreditiert werde. Und wenigstens auf den Dörfern gehe das nicht nur die Landwirte selbst an. „Das betrifft jeden von uns, vom Arzt bis zum Zimmermann.“

Die Regierungen müssen die Landwirte einbeziehen: Darin sind die Redner aus Landes- und Kreispolitik einig. „Wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir auf Sachebene arbeiten“, mahnt Volker Nielsen (CDU). Sachlich bleibt es zumeist bei der Kundgebung, an deren Rande die Jungen Landfrauen Dithmarschen auf Verbraucher zugehen und landwirtschaftliche Produkte anbieten. Das Agrarpaket, die Diskussion um Nitrat im Grundwasser und immer wieder der Wolf sind neben der Wertschätzung der Landwirtschaft die Punkte, die im Mittelpunkt der Ausführungen stehen. „Bei keinem Thema hat sich die Politik so geirrt wie beim Wolf“, sagt Oliver Kumbartzky (FDP). „Aber Gesetze lassen sich auch wieder ändern, wenn genug Druck kommt.“ Zur Freude der Zuhörer billigt er Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) zu, nicht ein, sondern zwei offene Ohren für die Bauern zu haben: „Zum einen rein, zum anderen wieder raus.“ Andreas Hein (CDU) stellt sich gegen manche Inhalte des Agrarpakets, auf das sich Umweltministerin Schulze und ihre Kabinettskollegin, Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU), geeinigt hatten: „Ich will nicht, dass die Düngeverordnung so in Kraft tritt.“

Susanne Hilbrecht (Grüne) würdigt die Bauern als hochqualifizierte Fachkräfte: „Sie wissen, was Sie an Ihrem Land und Ihren Tieren haben. Ihre Expertise muss berücksichtigt werden.“ Wie ihre Vorredner setzt sich die Kreistagsabgeordnete für eine gesunde Landwirtschaft ein. „Sie sind die ersten und wichtigsten Umweltschützer. Dafür steht grüne Politik, auch wenn einige von Ihnen das anders sehen.“ Jahrelange Versäumnisse und Fehlentscheidungen nicht zuletzt von CDU-geführten Bundesregierungen seien verantwortlich für überbordende Bürokratie und den Streit um die Grundwasserbelastung. „Sie hier können nichts dafür, dass das Nitratproblem nicht angegangen wurde.“

Claus Claussen aus Wennbüttel, der sich spontan zu Wort meldet, ärgert sich über die „Verkündung des Grünen-Programms“, für die Susanne Hilbrecht auch noch beklatscht worden sei. Für seine Aussage, „hier verarscht worden“ zu sein und die Forderung, die Bauern dürften sich nicht auseinanderdividieren lassen, reagiert die Menge mit lautem Beifall.

Lena Kleinwort von der Initiative Wolfsfreie Dörfer kritisiert, dass Minister Jan Philipp Albrecht sonst gern auf EU-Recht verweise, aber ignoriere, dass nach Brüsseler Vorgaben auch der Arbeitsaufwand bei der Aufstellung der sogenannten wolfsabweisenden Zäune bezahlt werden müsste. Ohnehin erfreuen sich die Zäune einer höchst überschaubaren Beliebtheit. „Wir sollen Sondermüll aufstellen, in dem sich dann andere Tiere verheddern“, spielt Lena Kleinwort auf den jüngsten Vorfall in St. Annen an. „Die Koexistenz von Wolf und Nutztieren ist in Dithmarschen schlicht nicht möglich.“

Jann-Harro Petersen vom schleswig-holsteinischen Organisationsteam von Land schafft Verbindung gibt Oliver Kumbartzky eine Liste mit Stellungnahmen und Vorschlägen der Initiative, die in Schleswig-Holstein inzwischen ein Verein ist, mit nach Kiel. Vorher übt er heftige Kritik am Umgang mit den Landwirten seitens der Öffentlichkeit und der Politik. „Wir sind noch 266 000 Betriebe mit 600 000 Erwerbstätigen, die alle nichts von ihrem Beruf verstehen, wenn man manchen Aussagen glauben will“, sagt der Tatinger und kontert: „Wie wäre es denn mal mit einem abgeschlossenen Studium oder einer abgeschlossenen Berufsausbildung als Voraussetzung für ein Bundesoder Landtagsmandat?“ Die heuchlerische Trauer um das Höfesterben könne er nicht mehr ertragen, sagt Petersen. „Das liegt an den Rahmenbedingungen, sonst an gar nichts.“ Die Landwirte hätten sich in den vergangenen Monaten dazu gezwungen gesehen, sich zu vernetzen – und dies mit großem Erfolg getan. „Wir sind nicht allein“, stellt Petersen fest, lobt dann die einmalige Zusammenarbeit. „Wir sind die Macher vom Land und brauchen keinen Stolz von Klöckners Gnaden.“

Nach knapp zwei Stunden ist die Kundgebung, zu der nach Schätzung der Organisatoren wie der Polizei rund 1000 Teilnehmer kamen, vorbei. Die ersten Traktoren – 720 haben die Organisatoren gezählt, 600 schätzt die Polizei – rollen vom Marktplatz. „Das war eine tolle Veranstaltung. Wir haben ordentlich Druck aufgebaut“, sagt Mitorganisator Pascal Rohde.