Mit viel Energie ins neue Jahr

Der Markt wartet auf neue Strategien von Eon und RWE. Für Kohlekonzerne geht es um Entschädigung, für die Windenergiebranche um bessere Rahmenbedingungen.

DÜSSELDORF

Im März laden Eon und RWE traditionell Analysten und Journalisten zur Präsentation ihrer Jahresbilanz ein. Im März wird aber weniger der Blick zurück als vielmehr der nach vorn im Fokus stehen. Die Energiekonzerne haben sich neu aufgestellt und wollen sich bis zur Präsentation der Bilanz neue Ziele setzen.

"Zum Kapitalmarkttag im März wollen wir eine Strategie vorlegen", sagt Anja-Isabel Dotzenrath, die RWEs neue Sparte erneuerbare Energien leitet. Bis dahin sollen die Investitionsschwerpunkte definiert und die finanziellen Ziele erarbeitet worden sein. Bei Eon sieht es nicht anders aus. Dabei geht es nur noch um den Feinschliff, der große Sprung ist den beiden Schwergewichten schon im Herbst gelungen, als sie ihr Tauschgeschäft im Volumen von rund 20 Milliarden Euro besiegelten. Eon übernahm RWEs Tochter Innogy mit den Sparten Vertrieb und Netze. Eon konzentriert sich künftig auf diese zwei Geschäftsfelder, ist hier aber in die europäische Spitzengruppe aufgestiegen. Der Konzern versorgt rund 50 Millionen Menschen mit Strom und Gas und betreibt Strom- und Gasleitungen in einer Länge von 1,5 Millionen Kilometern.

RWE erhielt im Gegenzug die erneuerbaren Energien von Innogy und die, die bislang Eon betrieb. Deutschlands größter Stromproduzent hat damit neben der konventionellen Erzeugung auch wieder eine Zukunft in der Energiewende.

Details erwartet

Die Chefs der beiden Konzerne sind überzeugt, dass ihnen der große Wurf gelungen ist. "Heute ist für Eon ein Tag, den die Geschichtsbücher des Unternehmens irgendwann einmal 'historisch' nennen werden", jubelte Eon-Chef Johannes Teyssen Mitte September, als die Freigabe der EU-Kommission für das Tauschgeschäft vorlag. RWE-Chef Rolf Martin Schmitz sprach von einer neuen Ära. Jetzt müssen beide Konzerne aber beweisen, dass die neue Aufstellung auch das hält, was die Vorstandschefs versprechen. Deshalb warten die Analysten auch gespannt auf die Details. "Eons Kapitalmarkttag am 25. März 2020 wird mehr Klarheit bringen", hoffen die Analysten von Bernstein Research.

Speziell die neue Eon trifft am Markt noch auf große Skepsis. Die Aktie hat seit dem 11. März 2018, als Teyssen und Schmitz die Transaktion bekanntgegeben hatten, nur sechs Prozent an Wert gewonnen. Die RWE-Aktie ist seither dagegen um 27 Prozent gestiegen. Teyssen tut das als "Momentaufnahme" ab und hat mit Blick auf RWE auch eine einfache Erklärung: "Wenn eine Aktie besonders gebeutelt ist und man ihr wenig Zukunft beimisst, kann sie natürlich umso mehr zulegen."

Tatsächlich ist RWEs Strategieschwenk noch radikaler. Aktuell ist der Konzern noch Deutschlands Kohlekonzern Nummer eins, 2040 will er klimaneutral sein. Aktuell produziert RWE nicht nur so viel Strom mit Kohle wie kein zweiter Konzern in Deutschland, er fördert im Rheinischen Revier auch in eigenen Betrieben Braunkohle. Deshalb ist 2020 für RWE doppelt spannend. Zum einen muss der neuen RWE der Start bei den erneuerbaren Energien gelingen. Zum anderen entscheidet sich, wie der Kohleausstieg ausgestaltet wird. RWE hat sich zwar mit dem Ausstieg aus der Kohle abgefunden, der bis 2038 abgeschlossen sein soll. Deshalb hat der Konzern das Tauschgeschäft mit Eon auch so dankbar angenommen.

Jetzt gilt es aber, noch günstige Rahmenbedingungen für den Kohleausstieg herauszuschlagen. Seit Monaten verhandelt RWE mit der Bundesregierung über eine angemessene Entschädigung.

Seit Neuestem wird Schmitz aber auch wieder interessieren, wie sich die erneuerbaren Energien in Deutschland entwickeln. Für die war 2019 ein Rekordjahr: Noch nie wurde in Deutschland so viel Strom aus Windrädern erzeugt, noch nie so viel Energie aus Solaranlagen gewonnen wie in diesem Jahr. Sieben Jahre nach einem Kahlschlag durch die deutsche Photovoltaikindustrie hat sich die Solarbranche hierzulande endlich erholt und ist wieder auf Wachstumskurs, 30 Prozent allein 2019. Die einst teuerste aller regenerativen Energien ist günstig wie nie. Erstmals kündigten Energieversorger wie die badenwürttembergische EnBW Projekte ohne staatliche Fördergelder an.

Speicher werden günstiger

In Brandenburg soll der bislang größte Solarpark im Lande schon 2020 ans Netz gehen. "Wir sind davon überzeugt, dass sich zumindest erste große Solarparks in absehbarer Zeit wirtschaftlich betreiben lassen - ohne Subventionen", sagt Technikvorstand Hans-Josef Zimmer im Gespräch mit dem Handelsblatt. Ab einer Leistung von 50 Megawatt könnten Solarparks aus heutiger Sicht ohne Förderung auskommen. Mit den 1,7 Millionen Solaranlagen werden mittlerweile auch immer mehr Speicher installiert. Der Grund: Auch die Batteriespeicher sind deutlich günstiger geworden. Allein in den vergangenen fünf Jahren sind die Kosten um 60 Prozent gesunken. Der Bundesverband der Solarwirtschaft sieht die Nischentechnologie deswegen kurz vor dem Durchbruch in den Massenmarkt. Die Diskussion um das Erreichen der Klimaziele dürfte den Boom weiter anfachen.

Während die Ökobranche feiert, ist die Stimmung in der Windindustrie so schlecht wie nie zuvor. Lange Genehmigungsverfahren, zu wenig ausgewiesene Flächen und immer mehr Klagen gegen neue Anlagen haben den Ausbau fast zum Erliegen gebracht. Stellenabbau, rote Zahlen und Insolvenzen sind die Folge. Die Situation droht sich durch die von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) angekündigte Abstandsregelung von 1 000 Metern zwischen Wohngebieten und Windrädern weiter zu verschärfen. Während die Nachfrage nach Windrädern im Rest der Welt boomt, sieht die Branche schwarz für den deutschen Markt.

Schon ab 2021 wird für etwa 4 000 Megawatt (MW) Windkraft die EEG-Förderung enden, bis 2025 insgesamt für 16 000 MW. Das sind fast 30 Prozent der heute installierten Windkapazität an Land. Wenn sich die Rahmenbedingungen bis dahin nicht verbessern, dürften auch die nächsten Jahre für die Windindustrie alles andere als rosig werden. RWE-Chef Schmitz verfolgt das gespannt, aber will sich auch nicht schon wieder von den politischen Rahmenbedingungen in Deutschland abhängig machen. Das neue Geschäft, daraus macht er keinen Hehl, will er bewusst global aufstellen.