Was Stadtwerke-Aufsichtsräte verdienen
Die höchsten Vergütungen zahlen Flensburg und Kiel – Berater halten sogar mehr Geld für
angemessen
KIEL
Ein Aufsichtsratsposten kann ein lukrativer Job sein: Mancher Kontrolleur im Mittelstand erhält laut einer Studie der Personalmanagementberatung Kienbaum sogar mehr als 70000 Euro pro Jahr. Vier Fünftel der befragten Unternehmen, zu denen auch etliche Stadtwerke gehörten, zahlten allerdings durchschnittlich nicht mehr als 30000 Euro pro Person. So viel gibt die Mehrheit der Stadt- und Gemeindewerke in Schleswig-Holstein nicht mal im Jahr für all ihre Aufsichtsratsmitglieder zusammen aus, wie ein Vergleich ausgewählter Versorger zeigt. Spitzenverdiener ist demnach der Aufsichtsratsvorsitzende der Stadtwerke Flensburg, der 2018 immerhin 15440 Euro erhielt. Von den 65326 Euro, die der Versorger für den gesamten Aufsichtsrat aufwendete, gingen an die Personen, die das ganze Jahr im Gremium saßen, jeweils knapp 4000 Euro. Immerhin zu neun Sitzungen kamen die zwölf Mitglieder zusammen. Im Durchschnitt treffen sich die Überwachungsorgane der Stadtwerke im Land nur sechs Mal im Jahr. In Schleswig- Holstein müssen kommunale Unternehmen nach dem Transparenzgesetz die Bezüge ihrer Aufsichtsgremien auf der Internetseite des Finanzministeriums und in ihrem Jahresabschluss veröffentlichen. Das gilt auch für Gesellschaften und privatrechtliche Vereinigungen, wenn die öffentliche Hand mehrheitlich an ihnen beteiligt ist. Bei den Ausgaben auf Platz zwei landen die Stadtwerke Kiel, die 2018 ihre Aufsichtsräte mit 46000 Euro bedachten. Im vergangenen Jahr betrugen die Vergütungen noch einmal 1000 Euro mehr. Die Verteilung auf die einzelnen Mitglieder aufschlüsseln wollte der Versorger auf Anfrage nicht. Im Vergleich der Stadtwerke in den Landeshauptstädten liegt Kiel mit seinen Ausgaben im Mittelfeld. Andere Stadtwerke wie Düsseldorf (185000 Euro) oder Erfurt (81000) zahlen ihren Aufsichtsräten deutlich mehr. In Schwerin (9000 Euro) oder Potsdam (19000) sind die Versorger bei ihren Kontrolleuren dagegen sparsamer. Eine Aufsichtsratsvergütung „soll in einem angemessenen Verhältnis zu den Aufgaben der Aufsichtsratsmitglieder und zur Lage der Gesellschaft stehen“, heißt es im Aktiengesetz. Diese Rahmenregelung sei nicht besonders konkret, sagt ein Sprecher des Landesrechnungshofs. In der Praxis werde auf empirische Vergütungsstudien von Unternehmensberatern zurückgegriffen, um sich einer sachgerechten Beurteilung zu nähern. Diese orientieren sich meist an der Größe der Gesellschaft und ihrer Ertragslage. 10000 Euro beträgt der durchschnittliche Pro-Kopf-Bezug von Aufsichtsräten in der deutschen Energiewirtschaft laut Kienbaum. Der Median liegt bei 5000 Euro – das heißt, die eine Hälfte der bundesweiten Betriebe in der Branche zahlt weniger, die andere Hälfte mehr. „Für kommunal getragene Gesellschaften könnte unseres Erachtens auch noch der Grundsatz der Sparsamkeit als Beurteilungskriterium hinzutreten“, heißt es vom Landesrechnungshof. Die Werte aus den Studien würden daher tendenziell eher die Höchstwerte widerspiegeln. Der Vergleich der schleswig-holsteinischen Stadtwerke verdeutlicht, dass die Versorger mit den höchsten Umsatzerlösen auch die größten Summen an ihre Aufsichtsräte bezahlen. Zudem beschäftigen die Versorger in Kiel und Flensburg mit mehr als 600 Personen mit Abstand die meisten Mitarbeiter. Die Stadtwerke Lübeck und Neumünster geben allerdings weniger für ihr Überwachungsorgan aus als kleinere und umsatzschwächere Stadtwerke wie Eckernförde oder Rendsburg. Weil letztere künftig mit Schleswig eine Kooperation eingehen, sollen auch die Aufsichtsratsgelder sinken. Auffallend hoch sind die Vergütungen bei den Stadtwerken Schwentinental, die mit 35 Mitarbeitern und Erlösen von 12,2 Millionen Euro eine eher überschaubare Größe haben. In Schwentinental erhielt der Aufsichtsratsvorsitzende 6000 Euro im Jahr 2018, die anderen Mitglieder bekamen jeweils 4200 Euro. Zum Vergleich: In Lübeck bekommt der Aufsichtsratschef lediglich 2700 Euro. In Rendsburg erhalten sowohl der Vorsitzende als auch die anderen Kontrolleure rund 1200 Euro. Am sparsamsten sind die Gemeindewerke Hohenwestedt, wo die Gremiumsspitze nur mit 185 Euro vergütet wird. Die Einzelpersonen bekommen in Schwentinental auch so viel, weil das Überwachungsorgan nur aus vier Mitgliedern besteht, während in den Gremien der anderen Versorger meist acht bis zwölf Personen sitzen. Geschäftsführer Jens Wiesemann spricht von einem „angemessenen Verhältnis“ der Aufwandsentschädigung und den Aufgaben des Aufsichtsrates. Der Betrag sei seit 2016 konstant geblieben. Nachdem die Stadtwerke Schwentinental vor neun Jahren in erhebliche Schieflage geraten waren, habe sich die Stadt als Gesellschafter entschieden, „mit dem bestehenden kleinen Aufsichtsrat und der damals neuen Geschäftsführung die SWS GmbH intensiver als zuvor, sowohl was den Inhalt als auch die Häufigkeit anbelangt, zu führen beziehungsweise zu begleiten“, erklärt Wiesemann. „Das konnte und kann nicht ohne deutlich erhöhtes Engagement und ohne deutlich erhöhten Zeitaufwand erfolgen.“ Der Aufsichtsrat komme auf durchschnittlich neun Sitzungen jährlich plus Vor- und Nachbereitung. „Die Anforderungen an die Energiewirtschaft haben sich in den letzten Jahren erheblich verändert“, so Wiesemann. Das erfordere sowohl fachliche Kompetenz als auch Erfahrung. Die Darstellung deckt sich mit einem Umfrageergebnis von Kienbaum. Demnach nahmen Aufsichtsräte durchweg einen deutlichen Anstieg der Anforderungen an ihre Arbeit wahr. Die Sachverhalte, mit denen sich die Gremien beschäftigen, würden immer komplexer, sagt Kienbaum- Experte Martin von Hören. Als Beispiele nennt er die Digitalisierung, neue Technologien, regulatorische Rahmenbedingungen oder wechselnde Marktverhältnisse. Die Geschwindigkeiten von Veränderungen im Geschäftsumfeld nehme zu. Das bedeute auch, dass umfangreiche Unterlagen studiert werden müssten. „Hinzu kommt vor allem die Anforderung einer stärker proaktiven Befassung des Aufsichtsrates mit strategischen Fragen“, so von Hören. Die Überwachungsfunktion müsse zunehmend um eine zukunftsorientierte Sichtweise erweitert werden. Von Hören fände aus diesem Grund eine Erhöhung der Vergütungen angemessen. Auch rund 80 Prozent der befragten Aufsichtsräte sind der Auffassung, dass angesichts steigender Anforderungen eine angemessene Höhe der Vergütung immer wichtiger werde. Dass das Geld nur eine zweitrangige Rolle spiele und Ehre und Anerkennung im Vordergrund stünden, findet nur eine Minderheit. 60 Prozent halten die Vergütungen in öffentlichen Unternehmen für zu niedrig, nur ein Viertel rechnet allerdings damit, dass sie steigen werden.
