Anonymer Brief heizt Stadtwerke-Streit weiter an

Schreiben stützt kritisierten Geschäftsführer Sven Hanson. Echtheit wird angezweifelt

PINNEBERG

Nach den schweren Vorwürfen der Gewerkschaft Verdi gegen den Geschäftsführer der Pinneberger Stadtwerke, Sven Hanson, hat ein anonymes Schreiben neuen Wirbel im Betrieb ausgelöst. Denn nachdem Hanson von der Gewerkschaft für seinen angeblich rüden Führungsstil kritisiert wurde, ist nun eine E-Mail verschickt worden, die sich – vermeintlich im Namen der Belegschaft – mit dem kritisierten Geschäftsführer solidarisiert. Überschrift: „Stadtwerke Pinneberg – Vorwürfe gegen Herrn Hanson: Wir halten 100% zu ihm!“

Da sich niemand namentlich zum Inhalt bekennt und die Mail-Adresse offenbar nur zum Zweck einer Stellungnahme neu angelegt wurde, zweifeln aber sowohl Betriebsrat als auch Gewerkschaft die Echtheit und Glaubwürdigkeit des Inhalts an. Bei Betriebsversammlungen würde sich in der Belegschaft jedenfalls ein „völlig anderes Stimmungsbild“ ergeben. „Dass alle Mitarbeiter 100 Prozent zu Hanson halten, ist 100 Prozent nicht richtig“, heißt es aus dem Betriebsrat. Gewerkschaftssekretär Andreas Riedl sagt sogar: „Es würde mich nicht wundern, wenn Herr Hanson das Schreiben selbst verfasst oder jemanden damit beauftragt hat.“ In der Mail wird auf Länge einer DINA4- Seite die Verwunderung über die „massiven“ Attacken der Gewerkschaft gegen Hanson zum Ausdruck gebracht. Wie berichtet, wird dem Geschäftsführer von Verdi vorgeworfen, dem Betriebsratsvorsitzenden das Gehalt gekürzt zu haben, einem Aufsichtsratsmitglied und einem weiteren Betriebsrat kündigen zu wollen. Abmahnungen würden unter Hanson wie Knöllchen verteilt, die Belegschaft solle mundtot gemacht werden, unter den etwa 100 Mitarbeitern herrsche Angst.

Durch diese öffentlich gemachten Vorgänge, heißt es jetzt in dem anonymen Schreiben, werde nicht nur Hansons Ansehen, sondern das des gesamten Unternehmens geschädigt. „Wir verstehen nicht, warum arbeitsrechtliche Themen nach außen getragen werden, da Herr Hanson hierzu keine Stellung nehmen darf!“, so in der E-Mail weiter. Das sei ein „immenser Imageschaden“, der für Kollegen „weitreichende Konsequenzen“ haben kann. Der Betriebsrat könne sich „ja schon einmal überlegen, welches Mitglied als Letztes das Licht ausmacht und die Tür abschließt!“

Die Öffentlichkeit, erwidert Verdi-Mann Riedl, habe Hanson durch einen öffentlichen Prozess zu Kündigungen vor dem Arbeitsgericht selbst hergestellt. „Deshalb zeigt das Schreiben auch ein merkwürdiges Rechtsverständnis.“ Zudem verstehe er nicht, warum der Betriebsrat in der anonymen Mail angegangen werde, sagt Riedl. Die Kritik sei schließlich von Gewerkschaftsseite gekommen. Auch das lasse tief blicken.

Im neuen Schreiben heißt es zudem: „Viele Kollegen begrüßen es sehr, dass Herr Hanson die Dinge in die richtigen Bahnen lenkt und wir mit ihm die verfolgten Ziele erreichen, auch wenn dies für manche unbequem ist. Die alte Ära ist vorbei, und das ist auch gut so!“ Denn bis dahin, so der oder die Verfasser, „konnte quasi jeder machen, was er wollte!“ Hanson übernahm die Stadtwerke im Sommer 2016, davor lag die Leitung 28 Jahre lang bei Henning Fuchs.

Unter anderem geht es intern um ein neues Arbeitszeitmodell, das seit dem 1. Dezember gilt und feste Arbeitszeiten mit Zeiterfassung vorsieht. Die frühere Gleitzeit wurde auf Bestreben der Geschäftsführung aufgehoben und sollte zu einer strafferen Regelung geändert werden, um „die Einhaltung des Arbeitsgesetzes zu gewährleisten“, wie Hanson auf Abendblatt-Anfrage schreibt. „Der Betriebsrat wollte das Modell – 6 Stunden arbeiten und 7,8 Stunden bezahlt bekommen – gern längerfristig etablieren“, so Hanson. Deshalb wurde von ihm eine Einigungsstelle eingeschaltet, deren Kompromissvorschlag vom Betriebsrat nicht als Kompromiss wahrgenommen wurde. Auch die Belegschaft lehnte den Kompromiss ab.

Im Ergebnis wurden nun starre Arbeitszeiten eingeführt, „die Teile der Belegschaft vor große Probleme stellen, Familie und Beruf in Einklang zu bringen“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Tobias Heilmann. Entsprechend sei auch die Stimmungslage bei vielen Mitarbeitern. Insofern wundert sich Heilmann über den anonymen Brief, der mit seiner Wahrnehmung des Betriebsklimas nicht übereinstimme. „Wir als Betriebsrat halten die Echtheit des Schreibens für fraglich.“ Immerhin hätten bei einer der letzten Betriebsversammlungen von 63 anwesenden Mitarbeitern 60 der Auffassung des Betriebsrates den Rücken gestärkt.

Geschäftsführer Sven Hanson hält die anonyme Solidaritätsbekundung „für authentisch“. Denn: „Zustimmung zu Modernisierungsprozessen bekommen wir von allen Seiten.“ Ähnliche Stellungnahmen seien auch am Schwarzen Brett aufgehängt worden. Inhaltlich stamme der Text aus der „Innensicht unseres Unternehmens“. Abschließend erklärt Hanson: „Die Stimmung bei uns im Unternehmen ist grundsätzlich gut. Man könnte sagen: Alle haben die Ärmel hochgekrempelt und packen mit an!“