Nur 90 Bürger zeigen Interesse
Wenig Resonanz auf Einwohnerversammlung / Themen: Stadtwerke-Allianz, Seelustbrücke, Ausbau der Nicolaistraße, Strommix
ECKERNFÖRDE
Was gab es nicht schon für Einwohnerversammlungen in Eckernförde – mit einer überfüllten Stadthalle und hitzigen Debatten. Am Montagabend war davon nichts zu spüren. Gerade einmal 90 Einwohner und acht Gäste wollten sich informieren lassen. Bürgervorsteherin Karin Himstedt leitete die Versammlung.
Vielleicht lag es an der Tagesordnung, auf der zunächst nur zwei Punkte standen: die Stadtwerke-Allianz und die Seelust-Brücke. Dabei ist über die Kooperation der Stadtwerke Eckernförde, Schleswig und Rendsburg schon alles gesagt und geschrieben worden, die „Stadtwerke SH“ als Tochterunternehmen der drei kommunalen Stromund Wasserversorger schon längst gegründet.
Doch kamen an diesem Abend noch mehr Themen auf die Agenda. Aus dem Kreis der Bürger waren unter anderem noch die Themen „Atom- und kohlestromfreie Energieversorgung“ sowie „Umbau der Nicolaistraße“ vorgeschlagen und durch Abstimmung angenommen worden. Ebenso „Tempo 30 in der ganzen Stadt“, „Klimanotstand“, „Deponie an der B 76“ und „Themenvorschläge für die Einwohnerversammlungen“.
Seelustbrücke – Abriss oder Neubau? Die Seelustbrücke war also das Thema, auf das die Besucher am meisten Einfluss haben sollten, denn es wurde ein Meinungsbild abgefragt, das bei der Entscheidung der Ratsversammlung zugrunde gelegt werden soll. Was soll mit dem maroden Bauwerk geschehen? Vier Varianten standen im Raum:
1) Neubau in ähnlichem Ausmaß wie jetzt (71 Meter Länge, 2,60 Meter Breite) für 487.000 Euro.
2) Eine abgespeckte Variante (50 x 2 Meter) für 342.000 Euro.
3) Eine Brücke von 68 x 2 Meter mit einer 4 x 6 Meter großen Plattform am Ende für höchstens 500.000 Euro.
4) Abriss und Verzicht auf einen Neubau.
Die Eckernförder Bürger konnten mit Wahlzetteln abstimmen. Das Ergebnis soll zu Beginn der Ratsversammlung am Donnerstag, 12. Dezember, bekanntgegeben werden.
Stadtwerke: Keine Änderungen für die Kunden Bei der Vorstellung der Stadtwerke-Allianz beschrieb Jürgen Haneberg vom begleitenden Beratungsunternehmen Stellwerk aus Köln unter anderem, welche Auswirkungen die Kooperation auf die Kunden hat: größtenteils keine. An den Verträgen ändere sich nichts und Preiserhöhungen müssten auch nicht befürchtet werden. Allein die Kundenzentren seien ab dem 1. Januar auch für die Kunden der jeweils anderen Stadtwerke zuständig.
Strommix: 54 Prozent aus erneuerbaren Energien Die Frage nach dem Strommix der Stadtwerke beantwortete Geschäftsführer Dietmar Steffens: „Physisch kommt gar kein Kohle- und Atomstrom in Eckernförde an.“ Der werde nur in der Umgebung der größeren Anlagen verbraucht. Dennoch hat auch diese Elektrizität durch den Handel an den Strombörsen einen Anteil im Portfolio der Stadtwerke. Demnach besteht der von den SWE gelieferte Strom zu 54 Prozent aus erneuerbaren Energien, zu 23 Prozent aus Kohle, zu 11 Prozent aus Erdgas, zu 6,7 Prozent aus Kernkraft, zu 5 Prozent aus sonstigen erneuerbaren Energien und zu 1 Prozent aus sonstigen fossilen Energieträgern. Zum Vergleich: Die Stromerzeugung in Deutschland greift im Durchschnitt zurück auf: 37 Prozent Kohle, 35 Prozent erneuerbare Energien, 13 Prozent Kernkraft, 10 Prozent Erdgas, 3 Prozent sonstige erneuerbare Energien und 3 Prozent sonstige fossile Energieträger.
Dietmar Steffens betonte, dass sich die Stadtwerke zwar mit Solarstrom zurückhalten, dafür jedoch viel Strom mit Blockheizkraftwerken produzieren, die mit Biogas betrieben werden. „Wir erzeugen aus erneuerbaren Energien pro Jahr 20 Millionen Kilowattstunden Strom“, so Steffens. Zudem könne jeder Stadtwerke-Kunde einen Vertrag über Ökostrom abschließen, der zwar nicht physisch aus der Steckdose komme, aber an der Strombörse entsprechend gehandelt werde. Dietmar Steffens komme das manchmal wie ein „Ablasshandel“ vor: „Wir kaufen Strom aus österreichischen Wasserkraftwerken, um ein gutes Gewissen zu haben, und die österreichischen Konzerne ordern Kohlestrom aus Tschechien nach.“
Nicolaistraße: Geschäftsleute kritisieren Zeitplan Etwas Feuer kam in die Einwohnerversammlung, als Geschäftsmann Sascha Steindl kritisierte, dass die Nicolaistraße ausgerechnet von April bis Juli oder August barrierefrei ausgebaut werden soll. Existenzen stünden wegen der zu erwartenden Umsatzeinbußen von geschätzten 30 bis 35 Prozent auf dem Spiel. Stellvertretend für mehrere Geschäftsleute aus der Nicolaistraße fragte Steindl nach einem Termin im Rathaus, um gemeinsam zu besprechen, wie man alternativ vorgehen könne.
Bürgermeister Jörg Sibbel machte deutlich, dass an dem Ausmaß der Umbauarbeiten nicht gerüttelt, sondern eventuell nur der Zeitraum der Bauarbeiten verlegt werden könne. Das Problem: Schon einmal musste der Zeitpunkt der Maßnahme verschoben werden und die Stadt eine Fristverlängerung beim Land beantragen, um weiterhin Fördermittel in Höhe von 70 Prozent der insgesamt 365.000 Euro zu erhalten. Ob eine zweite Verschiebung möglich ist, ist ungewiss. Dennoch zeigten sich die anwesenden Geschäftsleute im Gespräch mit der Eckernförder Zeitung mit einer Verschiebung der Bauarbeiten auf Januar bis März 2021 zufrieden. Darauf, so Sibbel, wolle er versuchen hinzuarbeiten. Am 15. Januar soll ein Treffen mit den Anliegern im Rathaus stattfinden.
Forderung nach einem Raumordnungsverfahren Schließlich standen noch die Themen „Tempo 30 in der gan- 8 Verband der Schleswig-Holsteinischen Energie- und Wasserwirtschaft zen Stadt“ und „Klimanotstand für die Stadt Eckernförde“ auf der Tagesordnung. Sie wurden in den Arbeitskreis Klimaschutz übergeben. Der Punkt „Deponie an der B 76“ hatte sich überholt: In der Ratsversammlung am Donnerstagabend wird über eine Resolution abgestimmt, in der die Stadt ein Raumordnungsverfahren für die Deponie fordert. Karin Himstedt: „Wir wollen im Schulterschluss mit den Nachbararbeiten für das Thema eintreten.“ Zu guter Letzt schlug die Bürgervorsteherin beim Thema „Einwohnerversammlung“ vor, dass künftig nicht nur direkt vor der Versammlung Themenwünsche eingereicht werden, sondern auch schon im Vorfelde direkt an sie herangetragen werden können.
